Stärke deine Stärken und überwinde die ständige Selbstverbesserungs-Falle

Der Fokus liegt auf den Defiziten – meist seit der Schulzeit

Hand aufs Herz: wie oft haben wir uns schon innständig gewünscht, unsere Kinder mögen in der Schule positiver gefördert werden, ihre Stärken erkennen und ausbauen. Das gibt Elan und hilft dem Kind, das eigene Profil auszubilden. So kommt Freude und Selbstbewusstsein auf! Stattdessen erleben wir in unserer Schulpädagogik häufig ein Herumhacken oder -kritisieren an den vermeintlichen Schwächen.

Es fängt ja eigentlich noch viel früher an. Wer kennt nicht die Spielplatzgespräche: „Huch, dein Kind kann die Sprossen noch nicht hochsteigen?“ Und schon rattert unser Gedankenkarussell: „Sollte es das nicht längst können? Hätte ich mehr mit ihm trainieren sollen, Treppen zu steigen? Habe ich es genug gefördert?“ Oft haben wir einen Maßstab im Kopf, was unsere Kinder unserer Meinung nach oder auch gemäß der „Standards“ in diversen Erziehungsratgebern alles können sollten. Aber freuen wir uns und würdigen wir die Stärken und neuen Fähigkeiten unserer Kinder eigentlich ausreichend? Oder haben wir statt des erreichten Meilensteins gleich das nächste vermeintliche Verbesserungspotential entdeckt?

 

 

Als Mama bloß nichts falsch machen – und im Job sowieso nicht

Diesem Optimierungsblick auf unsere Kinder liegt oft die Überzeugung zugrunde, es mindestens richtig, am besten sogar perfekt machen zu wollen. Dies treibt uns dann in unserer Elternrolle selbst oft zu Höchstleistungen an. Und da schlagen wir jetzt den Bogen zu uns selbst. Wir perfektionieren uns in unserem privaten Umfeld wie auch in unserem professionellem Tun.

Ich selbst habe einmal eine größere Veranstaltung organisiert. Danach gab es ein mustergültiges Feedback meines Vorgesetzten. Viele Dinge, die hervorragend liefen und ein bis zwei Themen, die noch optimiert werden könnten. Im Ergebnis habe ich mich mit Feuereifer an die beiden zu optimierenden Themen herangemacht. Die Freude an der gelungenen Veranstaltung kam gar nicht so richtig auf. Stattdessen habe ich mich intensiv mit Themen beschäftigt, die mich wenig motivieren.

Wir verlieren das Positive und die erreichten Erfolge aus den Augen

Und ist es nicht oft so in unserem Leben: Die Erfolge werden gar nicht richtig eingebucht und gefeiert? Sie gehen fast schon als selbstverständlich unter und stattdessen konzentrieren wir uns auf die Dinge, die uns eventuell gar nicht richtig liegen, weil wir meinen, das gehöre dazu, das müssen wir auch noch hinkriegen, das müssen wir auch integrieren.

In diesem Kreislauf sinkt die Freude. Und im Ergebnis tun wir immer wieder genau die Dinge, die uns eben nicht energetisieren, die uns nicht liegen, die uns anstrengen und vielleicht sogar überfordern. Das lässt uns abstumpfen. Irgendwann fragen wir uns: Worin bin ich eigentlich richtig gut?

 

Stärkeninventur: Worin bin ich eigentlich RICHTIG gut?

In meinen Coaching-Sessions höre ich gerne genau hin, wie Menschen angetrieben werden, welche Erfolgstrigger sie einsetzen. Zuallererst lohnt es sich aber in vielen Fällen, eine „Stärkeninventur“ zu machen. Haben Sie schon einmal alles Positive zusammengesucht, was Sie an Feedbacks erhalten haben? Schauen Sie in Ihre Zeugnisse und -Beurteilungen. Fragen Sie Ihre Kollegen, Partner, Kinder, Freunde nach Ihren positiven Eigenschaften und Fähigkeiten. Für was schätzt man Sie besonders? Welches sind die 5 Eigenschaften und Stärken, die Anderen in den Sinn kommen, wenn man an Sie als Person denkt? Worin sind Sie für Andere ein Geschenk?

Und ja, es interessieren nur die positiven Eigenschaften. Meine letzte Klientin hat sich akribisch aufgemacht, Dokumente ausgewertet und ihr wichtige Menschen befragt. Sie hat dennoch vereinzelt negative Eigenschaften zurück gespiegelt bekommen. Sie sei oft zu aktionistisch und anstrengend. Aber Vorsicht: Auch in diesen vermeintlich negativen Rückmeldungen können positive Eigenschaften stecken.

Die positive Interpretation der oben genannten Rückmeldung könnte sein: Sie ist kreativ, ideenreich und hat viel Energie für deren Umsetzung. Vielleicht empfindet das Gegenüber es so, als sei dies übertrieben oder zu anstrengend für sie selbst. Aber dies ist eine persönliche Interpretation und hat möglicherweise mehr mit der Person selbst zu tun, die das Feedback gibt.

Natürlich, positive Eigenschaften können durch Übertreibung ihr Ziel verfehlen und dann negativ beurteilt werden. Doch dies gilt es mit den übrigen Feedbacks abzugleichen, zu hinterfragen und zu überprüfen. Vielleicht muss an der Übertreibung gearbeitet werden, damit die Stärke sich entfalten darf.

Die eigenen Fähigkeiten und Stärken genau zu kennen stärkt und motiviert

Nachdem wir im Coachingprozess solche Fragestellungen geklärt hatten, konnte meine Klientin sich im Spiegel vieler positiver Rückmeldungen selbst betrachten und einen harten Kern an positiven Eigenschaften und Fähigkeiten herausarbeiten, die definieren, was sie ausmacht und motiviert. Ihre strahlenden Augen verrieten, dass sie sich selbst lange nicht mehr so klar und mit einer liebenswerten Haltung der Selbstannahme gesehen hat.

An dieser Stelle können sich Menschen in Ihren Stärken und positiven Eigenschaften weiterentwickeln und ihr Profil herausarbeiten. Das ist eine hervorragende Ausgangsbasis, um weiter herauszufinden, was zu einem passt und was einen innerlich glücklich machen kann.

Wäre das nicht auch ein guter Ausgangspunkt für dich? Würde dir ein warmer Regen nicht einmal richtig gut bekommen? Sortiere deine Wertschätzungs-Schätze und spüre der Energie nach, die in dir liegt, wenn du deine Stärken stärkst.

 

Dieser Artikel stammt aus der Feder von Saskia Deller, unserer elterngarten-Coach in der Region Rhein-Neckar.

Ein Kommentar zu “Stärke deine Stärken und überwinde die ständige Selbstverbesserungs-Falle”

  1. Liebe Frau Deller,

    Ihr Artikel über die “Stärken stärken” spricht mir aus der Seele. Genau so wie sie es beschreiben, wird eher auf den Schwächen jedes/jeder Einzelnen rumgehackt anstatt auf die Stärken näher einzugehen. Sehr schade eigentlich, wird doch Potential nicht gefördert und das Gefühl vermittelt, dass man noch einiges zu tun hat. Ein Unterschied besteht auch noch zwischen den Geschlechtern. Aus meiner Sicht sind Frauen mehr in dieser Perfektionsfalle gefangen und sehen ihre Schwächen als eigene Fehler an. Männer überspielen diese oft. Das erlebe ich auch ganz oft in Vorstellungsgesprächen.

    Liebe Frau Deller, jede/r von uns sollte seine Stärken stärken und seine Schwächen mit einem Lächeln einfach akzeptieren.

    Mit den besten Grüßen aus Karlsruhe

    Daniela Weber
    – Gleichstellungsbeauftragte –
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