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Persönlichkeitsentwicklung im Elternzeit-Alltag

Kinder, Haushalt, Job: In einem fremdbestimmten Alltag kann die Laune schnell in den Keller gehen. Aber was verdirbt sie uns eigentlich? Und was hebt sie? Es sind unsere inneren Stimmen, die zu allem einen Kommentar abgeben. Doch wenn man versteht, woher sie kommen, kann man zufriedener durch den Alltag gehen. Bei EditionF hat elterngarten Gründerin Tanja über Persönlichkeitsentwicklung und Alltag geschrieben.

Glücksgefühle am Bügelbrett

Ja, ich meine es ernst. Im fremdgesteuerten Alltag mit zwei kleinen Kindern habe ich unter anderem eine ganz wesentliche Sache erkannt: Wie ich trotz Fremdbestimmtheit glücklich sein kann. Und wie Selbstbestimmtheit und Freiheit in der Fremdbestimmtheit funktionieren kann. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern im Alltag erlebbar. Ich muss nicht auf den nächsten Urlaub oder eine bestimmte Person da draußen warten. Ich kann ständig im Dienst stehen – in dem meiner Familie, den Kindern, meinen Kunden, der Welt. Ich kann den Boden putzen, die Spülmaschine ausräumen, Besorgungen erledigen, am Laptop arbeiten oder eben bügeln – und könnte bei allem vor Glück platzen.

Über die üblichen Verdächtigen, die mir gerne mal den Tag vermiesen

Die üblichen Verdächtigen in mir drin, haben mir sonst gerne mal den Tag vermiest: Angst, Unsicherheit, meine Kritikerin, die Kritikerin der Kritikerin, die Gestresste, die Getriebene und so einige andere. Alles Persönlichkeitsanteile, die zu allem was zu sagen haben. Ich konnte am schönsten Strand der Welt stehen und kritisierte mich dennoch dafür, dass ich das nicht ausreichend genieße. Ganz schön übel!

Doch meine Haltung hat sich geändert und damit auch meine Beziehung zu diesen ehemaligen Alltagsfeinden. Jetzt stehe ich am Strandund höre meiner Kritikerin zu, falls sie noch was zu sagen hat. Das schließt aber nicht aus, dass ich den Strand genießen kann. Durch die Veränderung meiner Beziehung zu meinen inneren Anteilen, wie man diese Stimme in der Therapie nennt, haben diese sich wiederum verändert und ihre eigene kleine Transformation erlebt. Ich verstehe meine innere Kritikerin plötzlich. Und ich bin überzeugt: sie meint es eigentlich gut. Sie meinte es gut, als sie sich diese Methode des Kritisierens angeeignet hat. Wahrscheinlich wollte sie mich vor einer peinlichen Situation beschützen oder mich zum Lernen motivieren, um etwas zu erreichen. Es gibt viele Gründe, für die ein Kritiker auch einen guten Job übernehmen kann. Damals war das angebracht, heute nicht mehr. Das können wir gemeinsam erkennen und uns folglich neue Möglichkeiten des Zusammenlebens gestalten.

Die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen

Klingt verrückt? Ist es nicht. Und auch nicht peinlich. Die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen ist mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr. Verschiedene Strömungen der Psychotherapie und im Coaching wenden Modelle wie das „Internal Family System“ (Richard C. Schwartz) oder das „Innere Team“ (Friedemann Schulz von Thun) an. Weil es in den meisten Fällen funktioniert. Ein Eintauchen und Arbeiten mit Persönlichkeitsanteilen hat sich offensichtlich für viele schon gelohnt.

Ich finde die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen bestechend einfach und möchte gerne dazu ermutigen es auszuprobieren: sei es im Selbst-Coaching, zu zweit, in der Gruppe, oder auch und vor allem im Leben mit Haushalt und Kindern – dort sind unsere Anteile am lautesten! Die meisten Persönlichkeitsanteile haben wir in unserer (frühen) Kindheit ausgebildet und seitdem relativ wenig verändert. Schon mal erlebt, wie ihr Euch beim Schimpfen mit Euren eigenen Kindern ertappt und denkt: „Was rede ich hier eigentlich? Das hört sich an wie meine blöde Lehrerin damals. Warum rede ich so, wenn ich das doch gar nicht will?“ Die Kritikerin, die mir mein Innenleben gerade so schwierig macht, lässt auch nach außen Dampf ab. Die Kinder hören sie und im schlimmsten Fall verinnerlichen sie sich diese Stimmen für den Rest ihres Lebens. Ein bisschen Distanz wäre angemessen, um Wucht und Wirkung nach innen und außen zu relativieren.

Wer hat wen unter Kontrolle?

Der Kniff: Persönlichkeitsanteile haben uns voll unter Kontrolle, solange wir uns deren nicht bewusst sind. Ihre Wirkung ist dann maximal. Selbst nach Jahren Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen kommt immer mal wieder jemand um die Ecke, der bis dahin so selbstverständlich für uns war, dass er oder sie einfach nie aufgefallen ist. Unter Umständen verändert sich sehr viel oder alles, wenn sich auf einmal ein Persönlichkeitsanteil zeigt, der uns bis dahin fest im Griff hatte. Die Beschreibung „Aha-Effekt“ ist dann oft viel zu tiefgestapelt. So hatte mich jahrelang meine „Anspruchsvolle“ geführt. Leute konnten mir sagen, dass ich zu viel von mir verlangen würde. Ich habe das überhört oder gedacht, dieses Urteil sei übertrieben. Das war alles meine „Anspruchsvolle“, mit der ich voll identifiziert war. Der Leistungsdruck war normal für mich. Ständig war ich nicht gut genug und ich hatte tausende Gründe, warum ich mit meinen Leistungen unzufrieden war. Als ich sie „ertappt“ und meine Beziehung zu ihr verändert hatte, spielten sich sämtliche Situationen auf einmal anders ab. Das heißt nicht, dass sie jetzt nicht mehr in mir wirkt, aber unsere „Zusammenarbeit“ ist viel kooperativer geworden.

Ganz einfache Tricks für zu Hause, um glücklicher zu werden

Man kann zu Hause, unterwegs und mitten im Alltag verdammt gut mit Persönlichkeitsanteilen arbeiten. Der Trick ist ganz einfach. Versuche Dir mal selbst zuzuhören, während Du im Alltag rotierst. Wer redet da gerade? Wer schimpft, wer kritisiert? Unsere Anteile zeigen sich gerne auf für sie charakteristische Weisen: Schau in Dich herein und spüre nach. Welche Gedanken und Bilder kommen, wie fühlt sich das jeweils an? Wut im Bauch, Angst im Nacken, dröhnender Kopf, bleibt Dir die Luft weg? Körperliche Empfindungen lügen nicht. Sie sind oft ein hilfreicher Wegweiser darüber, was gerade wirklich abgeht. Und sie verändern sich, wenn man sie mit Interesse und Neugierde beobachtet. Wird es warm, kalt, groß, klein, eckig, weich, etc.? Die Verbindung der Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen mit Körperarbeit ist bestechend. Das kann oft zu Antworten führen, die man auf der rationalen Ebene nie gefunden hätte.

Die erste Reaktion bei unangenehmen Gefühlen und Empfindungen ist oft sie loswerden zu wollen. Auf den Kritiker reagiere ich unter Umständen mit Hass. Auf die Anspruchsvolle mit genervten Gefühlen. Doch das Schöne an uns Menschen ist: Es gibt etwas, das diese ganzen Theaterspiele sehen kann. Und das Sehende, das Beobachtende, das nicht mehr beobachtet werden kann, ist nie genervt, kritisiert nicht, hasst nicht. Es ist in sich ruhend, neugierig, wohlwollend und hat Gnade und Verständnis mit den wirkenden Anteilen, die sich oft das Leben gegenseitig schwermachen. Richard C. Schwartz redet hier vom „Selbst“, das in vielen anderen Systemen, Lebensanschauungen und Theorien auch andere Namen haben kann: der Zeuge, die Präsenz, der Beobachter, etc. Unterschiedlichste Kulturen berichten von den gleichen Erfahrungen, was jetzt hier zu weit führen würde. Für mich ist an dieser Stelle, in meinen (Selbst-)Coachings oder mit meinen Kindern nur eines wichtig: es funktioniert – unabhängig von Herkunft, Kultur oder Ausbildungsstand.

Die verschiedenen Rollen der Persönlichkeitsanteile

Unterschiedliche Anteile haben unterschiedliche Funktionen und auch Bedürfnisse. Schwartz kategorisiert beispielsweise in beschützende Anteile, verletzte oder „verbannte“ Anteile (die inneren Kinder) und in „Feuerbekämpfer“, die ebenfalls beschützend wirken wollen. Wunderbar zu erleben im Alltag mit Kindern. Schon mal ausgerastet, als das Fass übergelaufen war? Das war vielleicht ein Feuerbekämpfer. Sicher auch bereut danach? Wir haben uns in unserem Leben so viele starke Muster und Automatismen angeeignet, die irgendwann ihren Sinn hatten.

Es ist eine spannende Abenteuerreise in diese Geschichten einzutauchen und anzufangen zu verstehen. Und beim nächsten Mal kurz vorm überkochen gelingt es Dir vielleicht innezuhalten und einen anderen Weg einzuschlagen: im Team sozusagen, gemeinsam mit dem Hass, der gerade im Schwung war Dich komplett zu übernehmen, mit Dir zu verschmelzen. Dir ist es gelungen Distanz zu Deinem Hassin Dir zu bewahren und Dich nicht überwältigen zu lassen, ihm ins Gesicht zu schauen und ihn zu erkennen. Deine Haltung ändert sich plötzlich, Deine Beziehung zum Hass ändert sich, Du spürst Verständnis und Wohlwollen. Und mit dieser Beziehung in Dir verändert sich auch plötzlich Deine Beziehung zu Deinem Kind. Die eben noch fast eskalierende Situation endet darin, dass Ihr Euch in den Armen liegt und vor Glück heulen könntet…

Was die Arbeit mit mir selbst mit dem Bügeln zu tun hat

Es lohnt sich den inneren Stimmen einfach mal zuzuhören und einen empathischen Zugang zu ihnen finden. Ihr kommt ins gemeinsame Arbeiten.
Beim Bügeln, Spülen, Putzen und im Familienalltag mit Kindern und den Nächsten geht das wunderbar und zeigt einen direkten Effekt. Hier muss man sich nicht verstellen und kann im besten Fall offen kommunizieren, was man gerade beobachtet. Und wer die einzelnen Anteile ausreichend kennengelernt hat merkt, dass man ihnen nicht mehr kritisch, hassend oder genervt gegenüberstehen muss. Dann zeigt sich das Glück am Bügelbrett.

Und Du bist dankbar für dieses wundervolle Leben. Hinter Deiner Angst, Deinem Kritiker oder Deiner Gehetzten gibt es eine Ebene, die ruhig bleibt. So wie das tiefe Meer unter den Wellen. Und vielleicht ist gerade diese Stille das Wichtigste, was wir heutzutage in den Wirren unseres Alltags und der Welt erleben können. Wir erkennen das Theaterspiel und die Egokämpfe von bestimmten Persönlichkeitsanteilen, die miteinander in Wechselwirkung gehen und sich gegenseitig Energie abzapfen. Und was bleibt, wenn wir hinter die Kulissen schauen? Wir heilen die Beziehung mit uns selbst, unseren Liebsten und der Welt. Und was am Anfang sehr belustigend geklungen haben mag, ist vielleicht das Wichtigste im Leben.

Frieden fängt in unserem Inneren an

Es gibt Menschen mit viel Macht und Hebeln in der Hand, denen ich mehr Zeit zum Innehalten wünsche. Denn am Ende geht es um viel mehr als Glücksgefühle. Es geht um respektvolle Begegnung mit sich selbst und der Natur und Kulturen dieser Erde. Statt auf Hass mit Hass zu reagieren oder auf Angst mit Angst, lohnt sich der Blick hinter die Kulissen. Welche Geschichte hat Deine Angst? Dein Hass? Deine Arroganz? Du beginnst zu verstehen und wirst anders auf Deine Anteile reagieren. „Ihr“ könnt gemeinsam kreativ werden und ein anderes Leben gestalten. Diese Haltung verändert potenziell alles. Frieden fängt in unserem Inneren an.

Hier ist der Artikel im Original zu lesen.