Tanja Misiak

Bild: www.lifepictures.de

Heute hat Tanja einfach mal das Mikrofon um 180 Grad gedreht. Nachdem sie von einer Kollegin angesprochen wurde, dass Tanja die einzige vom ganzen elterngarten-Team ist, die noch kein Interview gegeben hat, fühlte sie sich ertappt. Da ist es nun, das Gespräch mit gedrehtem Mikrofon :-).

Erzähle uns kurz, wer Du (heute) bist.

Ich bin Tanja, verheiratet, Mama von 2 Jungs (*2011, *2014) und wohnhaft im Münchner Süden. Während meiner zweiten Elternzeit habe ich elterngarten.org gegründet. Eigentlich bin ich Senior Consultant bei Detecon International GmbH, eine Unternehmensberatung der Deutschen Telekom Group. Mein Interesse an „Social Business“ (Ziel ist ein sinnvoller Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung und Mittel ist die finanzielle Nachhaltigkeit und nicht umgekehrt…) zieht sich mit einem roten Faden durch meine bisherigen Beratungs-Projekte und kulminiert in elterngarten. „Von Haus aus“ bin ich BWLerin und mit Zusatzausbildungen für Systemische Beratung, Coaching, Social Innovation, Projektmanagement. „Inoffiziell“ bin ich schon immer eine gute Begleiterin bei Entwicklungsprozessen. Sei es für Führungskräfte oder auch außerhalb der Wirtschaft. Seit über 10 Jahren meditiere ich regelmäßig, teilweise in diversen bis zu 10-tägigen Meditations-Retreats und Selbsterfahrung ist mein Steckenpferd – die eigene und die Begleitung der Selbsterfahrung bei anderen. Meine derzeitige eineinhalbjährige Weiterbildung als „Coach für Persönlichkeitsentwicklung“ führt mich daher aktuell zu meiner wirklichen Berufung: ich begleite Menschen in ihre Innenwelt, bei ihrer Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen und ihrem ganz eigenen Weg zu innerer Freiheit, Glück und (Selbst-)liebe. Neben elterngarten.org habe ich auch eine eigene Website für Coaching- und Beratungsleistungen.

Die Elternzeit war für Dich eine prägende Zeit. Erzähl mal davon, warum war das so?

Vor der Geburt meines ersten Sohnes war ich beruflich sehr engagiert und eingebunden, ständig unterwegs, habe mich weitergebildet wo es nur ging, habe viel Sport gemacht, meditiert und gelesen. Das alles kam zu einem abrupten Ende mit der Geburt von Leonard im Sommer 2011. Ich habe wirklich einige Monate oder sogar noch länger gebraucht um einen neuen Rhythmus zu finden. Mir fiel immer wieder die Decke auf den Kopf und ich hatte kaum Zugang zu meinen ursprünglichen Energiequellen: Sport, Meditation, Lernen und Lesen. Der ständig unterbrochene Schlaf und die vielen Aufgaben jenseits meiner Energiequellen machten mir zu schaffen.

Doch wir hatten schon während meiner Schwangerschaft eine erste persönliche Veränderung für die Elternzeit geplant: Hausbau und ein Umzug von Bonn nach München. Mein Mann ist selbstständig und eh immer in unterschiedlichen Städten unterwegs – so waren wir völlig frei in der Wahl unserer „Basisstation“. Wir entschieden uns für ein Leben in Bayern, weil wir München mögen, die Berge lieben und die Seen. Wir wollten hier unsere Wurzeln schlagen. Unsere Eltern waren nicht begeistert, genießen mittlerweile aber auch die mehrwöchigen Besuche bei uns… Mein Arbeitgeber hat seinen Hauptsitz in Köln und hier war ich supergut vernetzt mit Kunden und anderen Beratern. Der Standort in München war für mich völlig neu und mir war bewusst, dass ich nach der Elternzeit von vorne anfangen muss. Doch das war für mich kein Argument gegen München, ich freute mich auf den Neuanfang. Ein Coaching mit einem Freund hat mir geholfen herauszufinden, dass ich in Hinblick auf weitere Familienpläne auf professionellem Terrain nur den Aufbau einer „kleinen Bühne“ in Betracht ziehen wollte. So hatte ich mit einem guten Gefühl genug Zeit für meinen kleinen Sohn und die neue Schwangerschaft und durfte gleichzeitig noch so viel arbeiten, wie es mir gut tat.

Ich wollte nicht mehr so viel reisen und das ist in der Unternehmensberatung natürlich schwierig. Mein Arbeitgeber ist jedoch sehr offen und flexibel, mein Chef ist nicht zuletzt Berater für das Thema „Future Work“ – walk your talk! Meine Elternzeit-Erfahrung mit dem Arbeitgeber speichere ich daher sehr positiv ab. Anstatt uns in Diskussionen über gesetzliche Ansprüche zu verlieren gingen wir kreativ an die Sache heran und probierten, was geht und was nicht. So leitete ich letztendlich in „Teilzeit in Elternzeit“ für 11 Monate eine internes Projekt zu „Integral Business“ und unterstütze das interne Staffing-Team. Nach diesen 11 Monaten kam dann unser zweiter Sohn zur Welt.

Meine zweite Elternzeit war dann viel ruhiger. Das „Nest“ war gemacht, kein Umzug stand an. Ich wusste, welche Aufgaben auf mich zukommen und mein neuer Rhythmus mit Baby rund um die Uhr, Haushalt, Sport (wenige Übungen, dafür regelmäßig) und Meditation (mehr inne halten im Alltag) war schon eingeübt. Und so langsam konnte ich mir Gedanken machen, welche Art von „Bühne“ ich mir denn nun aufbauen wollte.

Ich grübelte da immer mal vor mich her, mit Baby hat man ja eigentlich recht viel Zeit zum grübeln. Als der Kleine 1 Jahr alt war (er war noch zu Hause mit mir), organisierte ich mir dann schließlich nochmals ein Coaching. Ich beantworte mir in einem geführten Prozess wesentliche Fragen und das half mir sehr. Wie möchte ich mich denn beruflich weiterentwickeln? Wo sehe ich mich in 4, 5, 10 Jahren? Wofür brenne ich? Wo leiste ich den größten Beitrag? Wo braucht mich die Welt am meisten??? Und auch wenn ich dachte, dass ich ja schon sehr viel gegrübelt habe, genoss ich doch so einige neue Erkenntnisse dank der Methoden und Tools, die ich hier erlebte.

Hattest Du ein „Impulserlebnis“? Was hat Dich dazu geführt, das zu tun, was Du in der Elternzeit und danach getan hast?

Genau dieser Coaching-Prozess gab mir mehrere sehr wichtige Impulserlebnisse. Es ist schwer zu sagen, ob ich diesen Weg auch ohne den voran gegangen Coaching-Prozess eingeschlagen hätte. Vielleicht wäre es in diese Richtung gegangen, aber es hätte wahrscheinlich alles viel länger gedauert und ich hätte mehr Umwege gemacht.

Ich hatte die Möglichkeit mir meiner Stärken, Werte, Bedürfnisse und Träume bewusst zu machen, sie sich formen zu lassen und nachzuspüren, was sich denn daraus entwickeln möchte. Das inspirierte mich unglaublich (wortwörtlich), eins fügte sich zum anderen. Auch die Idee für elterngarten ist in diesem Prozess zu mir gekommen. Die Elternzeit ist ein Riesen-Geschenk, sie ist die Chance mit räumlichem und zeitlichem Abstand vom Job noch mal zu reflektieren, auf welchem Weg man sich gerade so befindet, und ob dieser Weg wirklich der eigene ist. Ich fühle mich durch meine Elternzeit über meine Kinder und Familie hinaus wirklich extrem bereichert und habe das Gefühl, dass ich mich durch meine Gründungs- und Weiterbildungserfahrungen während der Elternzeit auch nachhaltig weiter entwickelt habe. In elterngarten füge ich alles zusammen, was ich gut kann und gerne tue: Beratung, Coaching, Projektmanagement, täglich mit inspirierenden und engagierten Menschen zusammenzuarbeiten, neue Projekte anstoßen, weiter entwickeln, strahlende Augen zaubern, andere Menschen inspirieren, die Welt vielleicht ein kleines Stückchen besser machen. Und da wir jetzt auch bundesweit aktiv sind, kann ich sogar mein „altes“ Netzwerk aus der Zeit vor den Kindern wieder beleben.

Sowas wie elterngarten gab es bisher nicht und ich hoffe, dass wir noch viele Eltern inspirieren können, sich ihr eigenen erfülltes und glückliches Leben mit Beruf und Familie zu organisieren.

Was möchtest Du Müttern und gerne auch Vätern mitgeben, die jetzt gerade in Elternzeit sind?

Ich kann mich meinen Vorgängerinnen in dieser Impulsserie wirklich nur anschließen. Nutze die Elternzeit einfach als Basis für ein zufriedenes Leben. Verliere Dich nicht zu sehr in Baby- und Haushaltsgeschichten. Spare Dir Umwege und Stress, indem Du JETZT bewusste Entscheidungen triffst. Elternzeit und Abstand vom sonstigen Leben ist die Chance fürs Innehalten, Reflektion, Neustart, Kraft zu tanken und Motivation zu schöpfen. Wenn Du denkst Du hast keine Zeit, dann prüfe Deine Prioritäten. Zufriedene Eltern haben zufriedene Kinder. Dein Baby wird es Dir danken, wenn Du in Deiner Kraft stehst und bewusste Entscheidungen triffst, die sich für alle gut anfühlen.

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