Dr. Rhea Seehaus

Dr. Rhea Seehaus

Rhea bereichert ab 2018 unser elterngarten Team. Sie bietet das Elternzeit Basecamp in Darmstadt an. Sie ist Diplom-Pädagogin, zertifizierte Coach (DCV) und Entspannungscoach (DAGeSp) und promovierte in den Erziehungswissenschaften. Rhea und Tanja machten zum Kennenlernen einen langen Spaziergang im Münchner Vorort und verabschiedeten sich mit der Gewissheit: Es wird noch spannend mit uns! Rhea ist professionell und gleichzeitig mit dem Herzen dabei – lies hier über ihren Weg und wie sie ihre Elternzeiten erlebt hat.

Erzähle uns kurz wer Du (heute) bist.

Ich heiße Rhea Seehaus und lebe mit meinem Mann und meinen beiden Töchtern (2014 und 2015) in der Nähe von Darmstadt. Ich bin Diplom-Pädagogin und habe in den Erziehungswissenschaften zum Thema Elternverantwortung und der Frage, wie Eltern die Entwicklung ihres Kindes begleiten und wahrnehmen, promoviert. Fragen rund um die Themen Elternschaft, Mutterschaft und Vaterschaft haben mich danach nicht mehr losgelassen und ich habe in meinem Beruf als Wissenschaftlerin noch weitere Forschungsprojekte und Veranstaltungen zu diesen Themen durchgeführt. Die Arbeit in der Wissenschaft macht mir sehr viel Spaß, war mir jedoch irgendwann zu weit weg von der Praxis. Nach einer längeren vagen Idee habe ich mich nun Anfang 2017 nebenberuflich selbständig gemacht und mir ein zweites Standbein als Coach, Trainerin und Referentin aufgebaut. Ich biete Workshops für Eltern, Coachings für Mütter und Fortbildungen für Fachkräfte an. Für Eltern stehen dabei im Mittelpunkt oftmals der Austausch über den Erziehungsalltag und der Versuch, mit verschiedenen Methoden für mehr Entspannung und Achtsamkeit im Alltag zu sorgen. Bei den Coachings begebe ich mich gemeinsam mit den Müttern auf die Suche nach neuen Handlungsspielräumen, z.B. was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Alltagschaos und eigenen Entspannungsmöglichkeiten angeht. Für die Fachkräfte biete ich im Rahmen kurzweiliger Inputs und anregender Übungen Ergebnisse aus meinen aktuellen Forschungsergebnissen,  jenseits ‚grauer‘ Theorie. Und ganz neu: Ab 2018 werde ich dann die Elterngarten-Basecamps in Darmstadt durchführen.

Ich mag es, Dinge zu hinterfragen, zu beobachten und neugierig zu sein, den Sinn aufzuspüren. Und mich interessiert jeden Tag aufs Neue, wie Eltern leben, wie sie Familie sind und sich Arbeit, Kinder und Alltag aufteilen. Im Zentrum meiner Arbeit steht in allererster Linie die Wertschätzung für die tägliche Arbeit der Eltern – denn diese ist zwar oftmals eine ganz erfüllende Aufgabe, manchmal aber auch wirklich der letzte Job, den man sich gerade wünscht. In meiner Arbeit kombiniere ich mein Fachwissen, meine Arbeit als Coach und meine eigenen Mutterschaftserfahrungen miteinander.

Da mein Mann und ich beide sehr, sehr gerne arbeiten, weil wir häufig mit Themen beschäftigt sind, die uns wirklich Spaß machen, stehen auch wir ständig vor der großen Herausforderung, wie wir Arbeit und Familie unter einen Hut bekommen, allen Beteiligten genügend Raum für eigene Verwirklichungen/eigene Interessen zugestehen und es schaffen, die verschiedenen Bedürfnisse aller miteinander zu vereinbaren.

Die Elternzeit war für Dich eine prägende Zeit. Erzähl mal davon, warum war das so?

Rhea mit Tanja beim Kennenlernen in München.

Die erste Elternzeit war für mich eine echte Auszeit. Nach einer sehr arbeitsintensiven Phase in der ich mit einer halben Stelle in der Wissenschaft gearbeitet habe und in der übrigen Zeit meine Dissertation fertig geschrieben habe, war die Elternzeit ganz viel Zeit zum Kaffee trinken, spazieren gehen, Baby bewundern, Ausflüge machen und Zeit zu dritt, da wir gleichzeitig Elternzeit hatten. In einem Sportkurs habe ich eine nette kleine Müttergruppe kennengelernt, mit der ich mich bis heute noch treffe. Das sind tolle Frauen, die immer ein offenes Ohr für alle Kinder- und Elternsorgen hatten und einen sehr sympathisch-pragmatischen Blick auf das Elternsein haben. Bereits nach einem halben Jahr sind wir beide in Teilzeit wieder in das Arbeitsleben eingestiegen und haben abwechselnd unsere Tochter betreut, bis die Eingewöhnung startete.

Die zweite Elternzeit lief dann etwas anders ab. Einerseits ist man nicht mehr so frei, weil das erste Kind ja bereits eine Betreuungseinrichtung besucht, bei der man z.B. an Bring- und Abholzeiten gebunden ist und andererseits weiß man aber auch schon viel besser, was einem selbst gut tut und was nicht. Und auch als Paar hat man sich bereits in den Elternrollen etwas konsolidiert. Wir haben uns die ersten fünf Monate arbeitsmäßig aufgeteilt und hatten dann gemeinsam vier Monate, von denen wir mit den Kindern und unserem Bus sechs Wochen durch Frankreich, Spanien, Portugal gereist sind. Das war wirklich eine wunderbare Zeit und für mich der schönste Urlaub bisher. Nach dieser Elternzeit fiel es mir deutlich schwerer, wieder in den Beruf einzusteigen (s.u.).

Hattest Du ein Impulserlebnis? Was hat Dich dazu geführt, das zu tun, was Du in der Elternzeit und danach getan hast?

In der zweiten Elternzeit kam ich beruflich in eine kleine Krise – ich habe gemerkt, dass mir die reine Wissenschaft nicht mehr reicht. Ich fand es unbefriedigend, dass die Ergebnisse, die wir erforschten, nur einer kleinen Zielgruppe, nämlich anderen Wissenschaftler_innen zugänglich waren. Die, für die die Ergebnisse wirklich interessant sein könnten, nämlich Eltern, bekamen gar nichts davon mit. Das kam mir auf Dauer ziemlich sinnlos vor. Allmählich entstand dann die Idee, noch etwas anderes zu tun und mich vielleicht selbständig zu machen – nebenberuflich, um den Kontakt zur Wissenschaft (vorerst) nicht zu verlieren. Diese Idee trug ich erst einige Zeit mit mir rum, bis mich letztendlich eine längere Krankheitsphase dazu brachte, das Thema anzugehen und mich wirklich der Frage zu stellen, wie, an welchen Themen und in welchen Kontexten ich arbeiten möchte. Nun machte auch plötzlich die Coaching-Weiterbildung Sinn, die ich bereits während meiner Promotion abgeschlossen hatte. Das ganze Wissen hatte ich bisher nur selten zur Anwendung gebracht, da einerseits erstmal andere Dinge Priorität hatten und ich andererseits auch nie die zu mir passende Zielgruppe gefunden hatte, in der ich gerne und mit Herzblut tätig sein wollte. Nachdem sich nun so langsam alles zusammenfügte, brütete ich abendelang über Business Model Canvas, um die Idee zu konkretisieren. Ausgangspunkt waren für mich folgende Beobachtungen:

Während es für werdende Mütter viele unterstützende Angebote gibt (z.B. Schwangerschaftsyoga, Wellnessangebote für Schwangere), ändert sich dies relativ zügig, sobald das Kind auf der Welt ist. Während es viele Kurse gibt, die auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen (wollen), wie z.b. Pekip, Babyschwimmen, Babymassagekurse etc. , gibt es kaum Angebote, die die Bedürfnisse der Mütter ins Zentrum setzen und das Ziel haben, Mütter zu stärken. Dabei sind sie diejenigen, die am stärksten belastet sind, weil sie immer noch den Löwenanteil an Sorgearbeit in der Familie übernehmen und gleichzeitig gesellschaftlich angehalten sind, möglichst früh wieder arbeiten zu gehen.

Zusätzlich gibt es immer mehr Eltern, die sich qualifiziertes Fachwissen zu Erziehungsthemen wünschen, jedoch durch den aktuellen Ratgebermarkt abgeschreckt sind, weil die dort angepriesenen Erziehungsmethoden zu drastisch und rigide sind. Stattdessen sind sie auf der Suche nach wertschätzenden Angeboten, die sie in ihrer jeweiligen Elternrolle anerkennen und ihnen neue Perspektiven auf ihr sehr individuelles Familiengeschehen und -erleben ermöglichen. Im Vordergrund steht für mich dabei, dass das Leben mit Kindern viel Spaß machen kann, aber manchmal auch ganz schön kräftezehrend oder schlichtweg ätzend ist – und man dies auch benennen darf.

An diesen beiden Punkten setzte ich mit meinen Angeboten an.

Was möchtest Du Müttern und Vätern mitgeben?

Eltern zu werden ist eine ganz großartige Erfahrung. Sie bringt uns – im positiven, wie auch im negativen – ständig an unsere Grenzen und vielfach auch darüber hinaus. Wir lernen unter anderem selbstlos zu sein, bedingungslos zu lieben, im Halbschlaf Bücher vorzulesen, den zehnten Infekt in drei Wochen stoisch zu ertragen, nach nur drei Stunden Schlaf die wichtige Arbeitssitzung zu leiten, in unaufgeräumten Wohnungen zu wohnen und kalten Kaffee zu trinken… Wir lernen aber auch, dass wir immer wieder zurückstecken müssen. Dabei gehen wir mit unseren Wünschen, Bedürfnisse und Ideen, vielfach ein Stück weit unter. Besonders unter Müttern ist das ein bekanntes Thema, wird jedoch vielfach so hingenommen als gehöre es zu den normalen Aufgaben einer Mutter dazu. Ich möchte alle Eltern ermutigen, einerseits die Zeit mit den Kindern in vollen Zügen zu genießen, viel Gelassenheit und Humor für alle Unwägbarkeiten mitzubringen und sich andererseits im Chaos des Alltags nicht selbst (und auch nicht als Paar) zu verlieren, sondern sich immer wieder klar zu machen, dass Selbstfürsorge wichtig ist, damit man nicht völlig ausbrennt. Aus diesem Grunde halte ich auch die Elterngarten Basecamps für so wichtig. Denn da dürfen Mütter und Väter in einem begleiteten und wertschätzenden Rahmen, ihren eigenen Ideen nachspüren, sich auf die Suche nach ihren Ressourcen machen und sich einfach mal nur um sich selbst kümmern.

Zurück zur Impuls-Serie.