Arbeiten mit Baby – wie ich mich zerreiße.

Oder auch nicht…

Nach zwei Jahren elterngarten wissen wir, wie es vielen Eltern in Elternzeit geht: sie möchten die Babyzeit genießen und vermissen gleichzeitig schnell ihr professionelles Leben. Dass gerade im ersten Jahr das Baby im Vordergrund steht ist für viele selbstverständlich. Jedoch: wie lebt die professionelle Seite weiter, ohne gefühlt zu verkümmern und eine unterschwellige Unzufriedenheit auszulösen? Im Folgenden erzähle ich von meinen eigenen Erfahrungen mit Arbeit während der Elternzeit und teile ein paar Elternzeit-taugliche Tipps.

Dabei geht es mir nicht um Karrieretipps oder Druck aus dem Arbeitsmarkt. Dieser Blogbeitrag ist für die interessant, die ihre Arbeit einfach lieben – und ihre Familie. Wie kannst Du es schaffen, ohne das Gefühl durch die Elternzeit zu gehen, dass etwas völlig zu kurz kommt?

Blick nach Innen

Die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen hilft mir sehr. Ich beobachte, welche unterschiedlichen „Stimmen“ in mir sprechen, welche Motive sie haben, ohne mich allzu sehr mit einer Partei zu identifizieren. Diese Distanz hat einen „heilenden“ Effekt: so können  beispielsweise die liebevolle Mutter und die professionelle Beraterin nebeneinander leben, ohne gegeneinander einen inneren Kampf zu vollziehen. Sie haben unterschiedliche Ansichten und das dürfen sie auch gerne. In „internen Verhandlungen“ vereinbaren wir einen Weg – wenn es sein muss täglich neu – und das übergeordnete Glück muss nicht zerbrechen. Im Coaching gehe ich mit KlientInnen hier tiefer ein. Das bringt immer Erkenntnisse hervor – über diverse Beweggründe der polarisierten Parteien und gemeinsame Lösungen.

Ich bin nun während meiner dritten Elternzeit weiter beruflich aktiv. Alleine schon, damit elterngarten weiter laufen kann. Aber vor allem, weil es Spaß macht und mich auf eine Art auch sehr glücklich macht. So habe ich auch noch einen kleinen Ausgleich neben dem Baby- und Familienalltag und mache etwas „sinnvolles“ nur für mich. So führe ich auch noch weiterhin ein Leben jenseits der Familie, was ja für den arbeitenden Elternteil immer der Fall ist. Für den Elternteil zu Hause ist dies jedoch nicht selbstverständlich. So war das für mich jedoch nicht schon immer.

Jede Elternzeit eine andere Erfahrung

Meine professionelle Seite hatte während der ersten Elternzeit eine ganz schön schwere Zeit. Im Job war ich vorerst draußen, aber ich (bzw. meine professionelle Seite) vermisste bei allem schönen Baby-Alltag doch sehr all das, was ich an meinem Beruf so liebte: Kreativität, tolle Projekte, Austausch mit Kollegen, Erfolgserlebnisse, das Gefühl etwas bewirkt zu haben, direktes Feedback, Herausforderungen. Das wirkte sich als Unzufriedenheit aus – nicht nur die der professionellen Seite. Diese Unzufriedenheit betraf mein ganzes inneres System! Ich freute mich wieder aufs Arbeiten, war aber auch nicht wirklich gut vorbereitet auf Vereinbarkeitsthemen – hilfreiche „interne Verhandlungen“ hatte ich damals noch nicht geführt. Kind Nr.2 war dann auch schnell unterwegs.

Die zweite Elternzeit war dann anders. Ein Coaching brachte mich zu guten Ideen und nicht zuletzt ist daraus elterngarten geworden. Ich war „trotz Elternzeit“ wieder im Flow und konnte brach liegende Energie wieder kanalisieren – mein inneres System war wieder ausgeglichen. Ich startete u.a. eine Coaching-Weiterbildung, die mich persönlich und beruflich unbeschreiblich weit gebracht hat.

Jetzt in der dritten Elternzeit weiß ich um die üblichen Elternzeit-Gefahren. Ich wusste direkt, wie ich diese unwohlige Unzufriedenheit gar nicht erst entstehen lasse. Ich bin mittels eines „inneren Dialogs“ in erfolgreiche Verhandlungen mit meinen professionellen Seiten getreten und nun zufriedener denn je. Ich genieße den Babyalltag und muss mein „Arbeitstier“ in mir auch nicht verkümmern lassen. Meine Haupterkenntnis: ein kleines Elternzeit-Projekt tut gut, macht zufrieden und verbessert bestenfalls sogar noch ein bisschen die Welt. 

Kleine alltagstaugliche Päckchen packen

Dieser Blog-Beitrag ist genau so entstanden – hauptsächlich sogar am Smartphone mit einer Notiz-App. Ich schrieb zuerst die Gliederung und dann habe ich Stück für Stück weiter geschrieben – beim spazieren hauptsächlich, die Kleine im Tragetuch dabei. Ich liebe das Schreiben, und wenn ich sonst nicht dazu komme, dann so. So läuft aktuell mein überwiegendes Tun für elterngarten.

Wichtig für mich ist, dass ich hier einen Ausgleich sehe. Viele Leute fragen mich: Du bist ja verrückt, wann machst Du das denn alles? Jedoch: ich investiere meist nicht viel Zeit auf einmal. Läppert sich aber, wenn ich dran bleibe. Hauptsache es macht Spaß, gibt Energie, ist Ausgleich und kein zusätzlicher Stressfaktor.

Jeder kann sein persönliches Elternzeit-Projekt starten

Was ist *Dein* Elternzeit-Projekt? Kennst Du Deinen Ausgleich, Deine Energiequelle, Deinen roten Faden durch die Elternzeit, der Deine anderen inneren Anteile bedient, wo doch sonst die Rolle „Mama/ Papa“ so konkurrenzlos im Vordergrund steht?

Das Schöne an der Elternzeit: keiner erwartet etwas von Dir, alle stempeln Dich erst mal als Mama/ Papa mit Baby ab. Du hast viel Zeit zum nachdenken. Das Elterngeld deckt das Nötigste  ab. Du darfst jetzt ideell getrieben sein, nicht finanziell. Das, was Du tust, soll Sinn machen, zu Deiner Familie und Deinen Werten passen. Und wenn Du eine einzige freie Stunde am Tag hast – während das Baby schläft – dann möchtest Du sie sinnvoll investieren.

Jetzt kannst Du experimentieren, ausprobieren, testen. Jetzt kannst Du die Weichen legen für einen Neustart nach der Elternzeit. Du kannst Pläne machen. Du kannst die Basis für Dein eigenes Business legen oder neue Ideen mit Deinem Arbeitgeber ausprobieren. Du kannst Dich weiterbilden mit dem, was Dich interessiert.

Was ist Dein Herzensprojekt? Gibt es eine Energiequelle für Dich, die gerade nicht angezapft wird? Schreibst Du eigentlich gerne, liest Du gerne, lernst Du gerne, bist künstlerisch aktiv, kreativ? Aber Du kommst zu nichts?

Und wie packst Du das in Elternzeit-alltagstaugliche Päckchen?

Wie arbeite ich mit Baby, ohne Fremdbetreuung?

Mein Elternzeit-Projekt ist offensichtlich die Weiterführung von elterngarten. Doch wie arbeite ich denn gerade – mit Baby dabei, so mitten im Alltag? Wie sehen meine Päckchen aus?

Meine geliebte Notiz-App habe ich oben bereits erwähnt. Hier entstehen nicht nur Blog-Beiträge, wie dieser hier. Ich schreibe alles auf, was für mich wertvoll ist oder werden könnte: Ideen, ToDos, Gedichte, kurze Artikel. Manchmal schreibe ich auch hier e-Mails vor, weil mir das in der App bequemer ist und ich beliebig oft drüber lesen und korrigieren möchte (und nicht ausersehen auf den Send-Button komme).

Telefonate führe ich hauptsächlich draußen beim spazieren. Meetings kann ich auch wunderbar beim spazieren halten. Das mache ich nicht nur intern bei elterngarten. Ich habe auch schon entferntere Kooperationspartner und Kollegen zu einem Spaziergang eingeladen. Die Kleine ist dann immer im Tragetuch dabei. Eine ehemalige Klientin macht das übrigens ähnlich. Sie veranstaltet Kunstführungen mit Baby in der Trage. Anders, unkonventionell, aber kommt nach meinen Erfahrungen immer gut an.

Viel Kommunikation läuft auch über Sprachnachrichten. Das geht viel schneller als tippen und ist trotzdem asynchron. So kann man antworten, wann es passt. So sind schon richtige Konzepte entstanden.

Diverse Einzelcoachings und ein Elternzeit Basecamp habe ich auch schon von zu Hause aus durchgeführt. Das geht mit Baby im Tragetuch oder mittlerweile auch gerne auf der Decke oder dem Schoß wunderbar. Darf nur nicht zu viel sein.

Mit unserer elterngarten Coach Christine in München, die ja auch einen ebenso kleinen Nachwuchs hat, treffe ich mich auch gerne immer wieder persönlich. So haben wir unseren kleinen „Coworking Space mit Baby“.

Unser elterngarten Team hinter den Kulissen nutzt ein Community-Tool, in dem wir täglich kommunizieren. Wir teilen Tipps, Erkenntnisse, Ideen und auch Bedenken. Im Zweifel packt auch immer jemand an und bietet Unterstützung.

Außerdem hat sich für mich die Wunderlist-App bewährt, sie ist für mich Gold wert. So verzettle ich mich selten, ich kann dann einfach draufschauen und entscheiden, was gerade geht – und was in der verfügbaren Zeit gerade das Wichtigste und Machbarste ist.

Auch hier wieder: Klarheit ist an erster Stelle. Qualität zählt. Ich mache keine Termine, die nicht wichtig sind. Dafür ist mir meine Zeit mit Baby und Familie zu wichtig.

Ich lasse mir gerne helfen und scheue mich auch nicht zu fragen. So kann ich mich wirklich fokussieren. Bestimmte Dinge können andere besser und schneller als ich. Das heißt für mich „Outsourcing“: wir haben z.B. eine Haushaltshilfe, für die Buchhaltung und die IT wird regelmäßig Unterstützung eingekauft. 

Wenn ich müde bin, weil die Nacht anstrengend war, dann ruhe ich. Wenn ich mir bzw. irgendeine meiner Antreiberinnen in mir etwas vorgenommen hatte, dann ist das echt schwer. Schon wieder Pläne verschieben! Aber für mich ist es nachhaltiger, wenn ich nicht im Funktionier-Modus sondern im Lebe-Modus bin.

Abschied vom Perfekten

Ich möchte hier nichts vorspielen. Vieles geht gerade nicht. Vieles bleibt auf der Strecke: gute Bücher und auch den ein oder anderen tollen Auftrag oder Einladungen zu Veranstaltungen gehen flöten. Diejenigen, die aktuell an einem Basecamp teilnehmen, haben gerade erfahren, dass die Rechnungen etwas später als angekündigt versandt wurden. Jedoch: Damit habe ich Frieden geschlossen, auch wenn das nicht einfach war. Ich habe gelernt, dass damit wirklich nicht die Welt untergeht.

Außerdem: Ich kann mein Sein und Tun in und für die Familie weit mehr wertschätzen als während der ersten Elternzeit. Die Zeiten sind vorbei, dass ich abends im Bett liege und frustriert denke, ich hätte „nichts gemacht“. Ich kann meine Arbeit im Haushalt auch wertschätzen. 

Sowas geht nicht auf Knopfdruck. Das ist ein Wachstumsprozess. Sich selbst zuhören, Innere Selbstführung, innere Verhandlungen – das kann man lernen. Und die Elternzeit ist bestens dafür geeignet. Ich komme mit dem langsamen Tempo zurecht und sehe auch Vorteile in dieser Entschleunigung. Alles wird intensiver und jeder Moment ist für mich noch wertvoller. Ich begegne dem Glück im Alltag und habe aufgehört auf den nächsten Urlaub zu warten um durchzuschnaufen. Innehalten und Energie tanken kann ich jederzeit!

Liebe

Das mag jetzt vielleicht alles sehr unentspannt und leistungsgetrieben sein. Und ja, sicher schwingt da auch ein Leistungsanteil mit. Aber es handelt sich am Ende doch nur um eine Stunde am Tag, eine kleine regelmäßige Dosis. Der Hauptteil ist für mich ganz klar die Baby- und Familienzeit. Ich bin völlig verliebt in meine kleine Tochter (und natürlich die beiden Geschwister und meinen Mann…). Ohne diese Liebe würde das alles nicht funktionieren. Und auch diese Liebe braucht viel Zeit und Fürsorge. Man glaubt es kaum, aber die Stillzeit nutze ich in 99% der Fälle nicht fürs Handy und Facebook, denn diese innige und am Ende doch so kurzweilige Zeit möchte ich mir nicht mit Ablenkung entzaubern. Wir leben so unseren Flow und sind getragen und gehalten von einem starken Band, das uns unzertrennlich macht. Diese Bindung ist so innig und unbeschreiblich. Nichts von dem, was ich oben beschrieben habe, wäre mir was wert ohne dieses Vertrauen, dass wir zusammen gehören und für immer füreinander da sind.

Siehe auch

New Work mit Familie verknüpfen.

Wieviel Beruf darf in die Elternzeit? Erfahrungen in einem Business-Spiel mit Baby dabei.

Perfekt in den Elternzeitalltag einbaubar: unsere Elternzeit Basecamps. Lass Dich unterstützen bei der Suche Deines Elternzeit-Projekts – nachhaltig und zukunftsweisend.

Schon unseren Newsletter abonniert? Regelmäßig neue Perspektiven auf die persönliche und berufliche Weiterentwicklung mit Arbeit und Kind.

Danke für die Fotos an: Felicitas von Imhoff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.